Geschichte
Die Erfindung des Spams
Am 3. Mai 1978 verschickte ein Vertriebsmitarbeiter eine Einladung an 393 Empfänger im ARPANET. Es funktionierte. Genau das ist das Problem, das uns bis heute begleitet.
Die Einladung
Gary Thuerk arbeitete im Marketing bei der Digital Equipment Corporation und wollte neue Rechnermodelle vorstellen. Statt einzeln zu telefonieren, verschickte er eine Einladung zu Vorführungen an praktisch alle ARPANET-Teilnehmer an der Westküste, deren Adressen im damaligen Teilnehmerverzeichnis standen.
Die Reaktionen waren überwiegend ablehnend — es folgten Beschwerden und eine Rüge der Netzverwaltung, die das Netz als für kommerzielle Werbung nicht vorgesehen ansah. Thuerk selbst hat später berichtet, dass die Aktion zu erheblichen Verkäufen führte.
Beides zusammen ergibt die Rechnung, die den Rest der Geschichte erklärt: Der Ärger traf die Empfänger, der Ertrag den Absender. Diese Asymmetrie ist nicht die Folge schlechter Sitten, sie ist in die Bauform des Systems eingebaut.
Warum das Verschicken nichts kostet
Bei jedem älteren Kommunikationsweg trägt der Absender die Kosten. Ein Brief kostet Porto, ein Anruf kostet Gebühren, eine Zeitungsanzeige kostet nach Fläche. Diese Kosten begrenzen unerwünschte Ansprache wirksamer als jedes Verbot: Streuung lohnt sich nur, wenn die Trefferquote sie trägt.
Bei E-Mail entfällt diese Bremse. Die Zustellung an einen weiteren Empfänger kostet praktisch nichts, und was sie doch kostet — Rechenzeit, Bandbreite, Speicher — tragen überwiegend die Empfangenden. Damit lohnt sich Massenversand selbst bei einer Trefferquote nahe null.
Woher das Wort kommt
Der Begriff stammt nicht aus der Technik, sondern aus einem Sketch der britischen Komikergruppe Monty Python von 1970. Darin steht in einem Lokal auf jedem Gericht der Speisekarte Frühstücksfleisch der Marke Spam, während eine Gruppe am Nebentisch den Namen so lange singt, bis kein Gespräch mehr möglich ist.
Genau dieses Bild — nicht der Inhalt ist das Problem, sondern dass er alles andere übertönt — übernahmen Netznutzer zwei Jahrzehnte später für wiederholte, unerwünschte Nachrichten. Der Begriff beschreibt also von Anfang an keine Bösartigkeit, sondern eine Menge.
Die Folge für alle anderen
Die eigentliche Wirkung des Spams liegt nicht in den Nachrichten, die man wegwirft, sondern darin, was er aus dem System gemacht hat. Weil unerwünschte Post nicht an der Quelle begrenzt werden konnte, wanderte die Entscheidung zum Empfänger — und der entscheidet seither nicht mehr nur über die einzelne Nachricht, sondern über den Absender.
Daraus ist die heutige Lage entstanden: Wer eine Mail verschickt, muss beweisen, dass er darf (Absenderfreigaben und Signaturen), und selbst dann entscheidet die Reputation seiner Herkunft darüber, ob sie ankommt. Ein kleiner, korrekt eingerichteter Absender hat es damit schwerer als ein großer Versender mit gepflegtem Ruf — obwohl das Protokoll beide gleich behandelt.
Das ist die Erblast von 1978: Ein System, das Vertrauen voraussetzte, musste nachträglich lernen, Misstrauen zu organisieren. Es hat das erstaunlich gut gelernt — aber der Preis dafür ist, dass Teilnahme heute Aufwand kostet, den vor der ersten Massenmail niemand hätte erklären müssen.