Geschichte
Warum ausgerechnet das @
Die Wahl des Trennzeichens ist die meisterzählte Anekdote der E-Mail-Geschichte — und die am häufigsten falsch erzählte. Sie war keine Eingebung, sondern ein Ausschlussverfahren.
Das Problem
Eine Adresse musste zwei Angaben verbinden: wer, und auf welchem Rechner. Dafür brauchte es ein Zeichen dazwischen, und dieses Zeichen musste eine Bedingung erfüllen, die alles andere überwog: Es durfte in keinem Benutzernamen vorkommen.
Andernfalls wäre die Adresse nicht eindeutig zerlegbar. Ein Trennzeichen, das auch innerhalb der Teile auftauchen kann, trennt nichts — es verlagert das Problem nur.
Das Ausschlussverfahren
Die Tastatur der damaligen Fernschreiber und Terminals bot nicht viele Kandidaten. Buchstaben und Ziffern schieden aus, weil sie in Namen vorkommen. Punkt, Bindestrich und Unterstrich ebenso. Die meisten übrigen Sonderzeichen hatten in Betriebssystemen oder Programmiersprachen bereits eine Bedeutung und wären in Namen zumindest denkbar gewesen.
Das @ blieb übrig, weil es im Sprachgebrauch von Rechnern schlicht nicht
benutzt wurde. Es war ein kaufmännisches Zeichen aus dem Schriftsatz — „zum Preis von"
— und deshalb genau das, was gesucht war: vorhanden auf der Tastatur, ohne Bedeutung
im System, ausgeschlossen in Benutzernamen.
Dass es zusätzlich englisch als „at" gelesen werden konnte und die Adresse damit wörtlich „Person bei Maschine" bedeutet, ist ein glücklicher Zusatz. Er wird oft als der eigentliche Grund erzählt. Der eigentliche Grund war Verfügbarkeit.
Die Lehre daraus taucht in der Protokollgeschichte immer wieder auf: Trennzeichen werden nicht danach gewählt, was sie bedeuten, sondern danach, was sie nicht bedeuten. Ein gutes Trennzeichen ist eines, das im Inhalt nicht vorkommen kann.
Was das Zeichen später kostete
Die Entscheidung war für ihren Zweck ideal und hatte trotzdem Folgen, die niemand absehen konnte. Auf nicht-englischen Tastaturen war das Zeichen jahrzehntelang umständlich zu erreichen und lag je nach Land auf unterschiedlichen Tastenkombinationen. In Zeichensätzen, die vor der weltweiten Vereinheitlichung entstanden, belegte es an manchen Stellen einen Codepunkt, der anderswo für einen Buchstaben mit Umlaut stand — was dazu führte, dass Adressen beim Übertragen zwischen Systemen entstellt wurden.
Nichts davon war ein Fehler der Wahl. Es ist die übliche Erfahrung mit langlebigen Entscheidungen: Sie werden unter Bedingungen getroffen, die später nicht mehr gelten, und man erkennt erst im Nachhinein, welche Annahme darin steckte. Hier war es die Annahme, dass alle Beteiligten dieselbe Tastatur und denselben Zeichensatz benutzen.
Eine Randnotiz zu mailv2
Wer heute ein Adressformat neu entwirft, steht vor demselben Ausschlussverfahren — nur
mit einer zusätzlichen Bedingung: Das neue Format muss sich von E-Mail-Adressen
unterscheiden lassen, und zwar auf den ersten Blick, damit niemand versehentlich das
eine für das andere hält. Ein doppeltes @@ erfüllt beides. Es kommt in
keiner gültigen E-Mail-Adresse vor, und es ist als Absicht erkennbar statt als
Tippfehler.